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Sonntags-Zeitung 5. Oktober 2008

Startpunkt für eine steile Karriere

Das KV ist seit Jahren die beliebteste Berufslehre, aber hat sich immer wieder anpassen müssen

VON SAMUEL HUFSCHMID

Wenn es unter den verschiedenen Berufslehren so etwas wie einen Klassiker gibt, dann gewiss die kaufmännische Ausbildung, kurz . Spötter mögen zwar monieren, diese Ausbildung sei etwas für diejenigen, die nicht wüssten, was sie werden wollen. Aber unbestreitbar ist, dass das KV denjenigen grosse Chancen eröffnet, die dies im Lauf der Ausbildung doch noch herausfinden: Ex-UBS-Chef Marcel Ospel ist ein immer wieder genannter ehemaliger KV-Lehrling, der es ganz nach oben schaffte. Ein anderer ist Philippe Gaydoul, er brachte es bis zum Denner-Chef, Ruth Dreifuss begann als Hotelsekretärin und beendete ihre Berufslaufbahn als Bundesrätin, der Zürcher Regierungsrat Hans Hollenstein schloss ebenso eine KVLehre ab wie der Fussballinternationale Tranquillo Barnetta.

Kein Wunder, ist diese Ausbildung seit Jahren die beliebteste Berufslehre: 2007 entschieden sich 11 215 Jugendliche fürs KV, das ist etwa jeder sechste Berufseinsteiger.

Und falls das KV einmal ein verstaubtes Image hatte, ist auch das endgültig passé: Heute müssen Berufseinsteiger nicht nur genau wissen, wo sie später landen wollen, sondern bei ihrer Wahl auch noch darauf achten, dass diese lebenslanges Lernen ermöglicht. Dem trägt das moderne KV absolut Rechnung. Wer sich im Dschungel von Aus- und Weiterbildungen zurechtfindet, kann mit dem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis als Kaufmann sehr weit kommen und anspruchsvolle Abschlüsse an Fachhochschulen oder Universitäten erlangen.

Doch nicht nur als Weg zum Bachelor- und Mastertitel erstaunt die KV-Lehre durch ihre Vielfalt. Die Ausbildung reagiert jeweils schnell auf neue Bedürfnisse, auf neue Anforderungen auf Seite der Arbeitgeber, aber auch auf Änderungen im sozialen Umfeld der Auszubildenden.

So wurde auf das Ausbildungsjahr 2008/09 die Weiterbildung zum angepasst. Damit grenzt sich die Ausbildung jetzt noch stärker von den wissenschaftlich orientierten Universitäten und Hochschulen ab: Gezielt sollen die Kompetenzen vermittelt werden, die in der Praxis konkret verlangt werden. Deshalb wurde die frühere Fächeraufteilung durch einen Rahmenlehrplan ersetzt, der es den Studierenden ermöglicht, ihren Vorkenntnissen entsprechend gezielte Förderung zu erhalten.

Gute Aussichten auf einen Top-Job in der Finanzbranche

Rund 100 Studentinnen und Studenten sind es, die in diesem Herbst an den KV-Instituten die Höhere Fachschule für Wirtschaft mit Vertiefung in Bankwirtschaft begonnen haben. Gemäss Stefan Hoffmann, dem Leiter Nachwuchsentwicklung bei der Bankiervereinigung, werden sie nach Abschluss der dreijährigen, berufsbegleitenden Weiterbildung haben.

Doch nicht nur die Weiterbildungen gehen immer spezifischer auf die Bedürfnisse der Arbeitgeber ein, auch die Grundausbildung wird flexibel und dynamisch auf Änderungen im sozialen Umfeld der Auszubildenden angepasst: Ab nächstem Jahr wird beispielsweise jungen Fussballtalenten an der Football Academy Zurich eine vierjährige Ausbildung inklusive Trainingseinheiten und KV-Abschluss angeboten.

Das vom ehemaligen Profifussballer Oldrich Svab initiierte Projekt befriedigt damit das Bedürfnis vieler Eltern, ihren sportlich begabten Kindern einerseits die Chance auf eine Fussballkarriere zu ermöglichen, und sie andererseits für den Fall eines sportlichen Scheiterns mit einer soliden Ausbildung abzusichern. Svab wehrt sich vehement gegen die auch von Schweizer Klubs immer wieder gestellte Forderung, bereits als Junior müsse man sich ganz auf die Fussballkarriere konzentrieren: Das Projekt hätte schon diesen August starten sollen, verzögerte sich dann aber wegen Problemen mit der Anerkennung. Diese sind gemäss Svab nun aus dem Weg geräumt, einem Start im nächsten August stehe nichts mehr im Weg. Gut 20 Bewerbungen, darunter auch einige von fussballerisch begabten Mädchen, seien bereits eingegangen.

Das Bedürfnis einer anderen Klientel wird mit der schon auf dieses Schuljahr hin eingeführten Attest-Ausbildung Büroassistent/ in EBA erfüllt. Diese abgespeckte KV-Lehre zielt auf schulisch schwächere Lehrlinge und Umsteiger, die über diesen Einstieg neu auch einen staatlich anerkannten Abschluss erlangen können.

Die zweijährige Ausbildung zum Büroassistenten mit eidgenössischem Attest füllt die Lücke, die nach dem Abschaffen der Bürolehre entstanden ist. Die Anforderungen liegen sowohl beim Zugang als auch bei der Ausbildung unter denjenigen der normalen KV-Ausbildung und stellen die praktischen Fähigkeiten noch mehr in den Mittelpunkt.

Hier wird, anders als bei der normalen KV-Lehre, nicht zwischen verschiedenen Branchen wie zum Beispiel Banken und Versicherungen unterschieden. Zudem wurde darauf geachtet, die ausbildenden Betriebe möglichst stark von administrativen Aufgaben zu entlasten. Beide Aspekte machen die Ausbildung für Arbeitgeber attraktiv. Ein Beispiel dafür ist das kleine Solothurner Unternehmen Neptun Werkzeug AG, welches seit diesem Jahr eine solche Ausbildung anbietet. Nach Auskunft des zuständigen Sachbearbeiters Christian Lehmann ist die Nachfrage nach solchen Ausbildungsplätzen sehr gross, insbesondere von Abgängern aus Oberschule und Werkklasse, im Kanton Solothurn den beiden untersten Sekundarschulniveaus. Doch die Neptun AG erhält sogar Anfragen aus anderen Kantonen.

Die Büroassistentenlehre ist ein gutes Sprungbrett

Viele der Bewerber würden sich ausrechnen, über diesen einfacheren Weg in die kaufmännische Ausbildung einzusteigen und später über ein verkürztes Verfahren den KVAbschluss zu erlangen, sagt Lehmann. Auf diese Möglichkeit hat das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT), das die Ausbildungen gemeinsam mit Partnern aus Bildung und Wirtschaft erarbeitet hat, grossen Wert gelegt. Gemäss der BBT-Kommunikationsbeauftragten Tiziana Fantini ist allerdings im Gegensatz zu den früheren Anlehren bereits die zweijährige Grundausbildung ein vollwertiger Beruf.

Aber nicht nur für schulisch schwächere Einsteiger eignet sich diese Ausbildung ideal. Sie kann Mitarbeitern eine echte Chance bieten, die etwa wegen gesundheitlicher Beschwerden einen internen Wechsel ins Büro vollziehen müssen, denen aber eine entsprechende Ausbildung fehlt.

 Damit sind auch für solche Leute die Karrieremöglichkeiten etwas besser geworden - aber der Weg bis ins Topmanagement oder auf einen Regierungssessel ist auch so noch steinig genug.