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Tages-Anzeiger 4. Dezember 2007

Ohne Lehrabschluss ins Abseits geraten

Miridin Gashi zählte noch vor wenigen Jahren zu den ganz grossen Fussballtalenten in der Schweiz. Heute ist der 20-Jährige arbeitslos.

Von Patrick Schmid

«Ich kann nur Fussball spielen, da bin ich wirklich gut und auch glücklich», sagt Miridin Gashi immer wieder. Fussball sei seine Leidenschaft, sein Leben. Er wirkt niedergeschlagen, dieser junge Mann, gerade mal 20 geworden, als er zum Interview erscheint. Alles, was er will, ist Fussball spielen, doch das kann Gashi zurzeit nicht, zumindest nicht auf dem Niveau, welches er persönlich anstrebt.

Vor vier Jahren standen Miridin Gashi noch alle Türen für eine erfolgreiche Karriere offen. Er spielte im Nachwuchs beim FC Zürich und galt als grosses Talent. Bereits mit 16 holte ihn der damalige U-18- Coach Josef Bajza in sein Team. An der Seite von Blerim Dzemaili, Florian Stahel und Kresimir Stanic zeigte Gashi sein Können, schoss Tore, erkämpfte sich als Jüngster im Team schnell einen Stammplatz und erhielt ein Aufgebot für die Schweizer U-16-Nationalmannschaft. Mit dem FC Zürich feierte er überlegen den Schweizer-Meister-Titel der unter 18-Jährigen. Es sollte das letzte Erfolgserlebnis für Gashi bleiben. Was folgte, ist eine traurige Geschichte, welche für junge Fussballer als Warnung gelten könnte.

Als der Vater krank wurde

Voller Enthusiasmus nach der gerade gewonnenen Meisterschaft entschied sich Gashi, voll auf den Fussball zu setzen. Eine Berufslehre kam für ihn nicht in Frage. «Beim FCZ hatte ich die beste Zeit meines Lebens», sagt Gashi und fügt an «die Gegenspieler haben in die Hosen gemacht, wenn ich losgelassen wurde.» Die Schnelligkeit war seine Stärke, die Ungeduld seine Schwäche. Trainer Bajza verliess das U-18-Team, Gashi hatte seinen Förderer verloren. Ausserdem wurde Gashis Vater krank, der Teenager fiel in ein Loch. «Meine Familie begleitete mich nicht mehr an die Spiele. Mir fehlte die Unterstützung.»

Das Selbstvertrauen von Gashi schwand, die Leistungen auf dem Fussballfeld liessen nach. Die Konsequenz: Gashi schaffte den Sprung nicht in das U-21-Team von Zürich. Er wollte mit dem Fussball spielen aufhören. Doch einer glaubte noch an ihn: Axel Thoma. Der FCZ-Sportchef verliess damals gerade den Letzigrund Richtung Witikon. Er nahm Gashi mit. Doch auch in der 2. Liga konnte der junge Kosovare nicht überzeugen. «Dies lag sicherlich nicht am Talent, davon ist mehr als genügend vorhanden, aber er hatte grosse Probleme mit der Disziplin», sagt sein ehemaliger Trainer Josef Bajza.

Heute gehört Miridin Gashi dem Kader des 2.-Liga-Klubs Blue Stars an. In der Stammformation steht er zurzeit nicht. Während der letzten zwei Monate besuchte er kein Training, da er einen Temporärjob bei einem Getränkelieferanten gefunden hatte. Eine Lehre hat Gashi immer noch keine absolviert. Er fühlt sich in der Zwickmühle: «Erste Priorität bleibt der Fussball, aber ich muss auch Geld verdienen. Deshalb suche ich einen Job, doch ohne Lehre ist dies nicht einfach.»

Das Ziel bleibt die Super League

Die temporäre Anstellung beim Getränkelieferanten wurde nicht verlängert, Gashi ist arbeitslos. Er hat Geldsorgen. Oft weiss er gar nicht, wie er das Zugbillett zu den Trainings zahlen soll. Das ehemalige Talent lässt den Kopf hängen, weiss nicht so recht, wie es in seinem Leben weitergehen soll. Wenn er von der Vergangenheit spricht, leuchten seine Augen, er schwelgt gerne in Erinnerungen, sobald aber die Gegenwart zum Thema wird, verschwindet das Leuchten, Ratlosigkeit spricht aus seinem Gesicht, auch Ärger, dass er damals seine Chance nicht packte. Die 2. Liga sei kein Niveau, er wolle höher hinaus, bemerkt er trotzig. «Wenn ich nochmals eine Chance bekäme, gäbe ich alles.» Geld zu verdienen mit Fussball spielen, bleibe sein Ziel, am liebsten in der Super League beim FC Zürich. «Ich glaube immer noch daran, dass ich es packen kann. Ich bin jung, bis 25 habe ich noch eine Chance.»

« Wir brauchen wieder eine Sportberufslehre »

Ernst Graf, Nachwuchschef beim FC Zürich, über Miridin Gashi, die Probleme im Ausbildungsbereich und was sich beim FCZ in den letzten Jahren geändert hat.

Mit Ernst Graf sprach Patrick Schmid

Ernst Graf, einige der damaligen U-18-Meistermannschaft haben den Durchbruch geschafft, nicht so Miridin Gashi. Welche Erinnerung haben Sie an ihn?

Miridin war ein Leistungsträger, spielte sogar in der Nachwuchsnationalmannschaft. Da er noch sehr jung war, ist er nach dem Meistertitel in der U-18-Mannschaft geblieben. Diese neu gebildete Equipe hat sich jedoch schwer getan. Wir hatten mit diesem Team vor allem soziale Probleme.

Weshalb musste Gashi später den Verein verlassen?

Seine Leistungen liessen stark nach. Es hat Miridin nicht mehr gereicht, von der U-18 in die U-21-Mannschaft zu wechseln.

Gashi hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits für den Fussball und gegen eine Berufslehre entschieden. Haben Sie ihm nie geraten, eine Ausbildung zu machen?

Das Problem war, dass Miridin in der Schule eher schlechte Noten schrieb und daher waren die Aussichten auf eine Lehrstelle sehr, sehr schlecht. Wir haben ihm jedoch geholfen, indem wir Aushilfsjobs organisiert haben. Dies war unser Beitrag. Langfristig konnten wir ihm jedoch keinen Ausbildungsplatz anbieten.

Der FCZ bot zu dieser Zeit Berufssportlerlehren an. Viele Spieler konnten von dieser Art der Ausbildung profitieren. Weshalb nicht Miridin Gashi?

Auf der einen Seite müssen die fussballerischen Leistungen stimmen. Man muss ein Toptalent sein. Und auf der anderen Seite müssen auch die schulischen Leistungen den Anforderungen genügen. Und in diesem Punkt hatte Miridin Defizite.

Wie sah so eine Lehre beim FC Zürich aus?

Das Hauptaugenmerk lag natürlich beim Fussball mit vielen Trainings und Regenerationen zwischen den einzelnen Einheiten. Dann besuchten die Lehrlinge während eineinhalb Tagen pro Woche die Gewerbeschule und lernten vor allem Sprachen. Schade, dass diese Form der Ausbildung abgeschafft wurde.

Was waren die Gründe für die Abschaffung?

Swiss Olympic war der Meinung, dass zu wenig Interesse vorhanden war. Das grosse Problem war jedoch, dass viele Spieler die Lehre abbrachen, sobald sie einen Profivertrag erhielten. Dies führte zu einem schlechten Image.

Wie präsentiert sich die Situation heute?

Es gibt einige Sportschulen, die sich etabliert haben, Sportgymnasien. Und ganz wichtig: Immer mehr Lehrbetriebe unterstützen junge Sportler, weil diese als leistungsbereit und diszipliniert gelten.

Genügen diese Ausbildungsmöglichkeiten den heutigen Anforderungen?

Nein. Für die talentiertesten Fussballer sollte es wieder wie früher eine Sportberufslehre geben. Der Fussballverband arbeitet zurzeit an einem Entwurf.

Wie schwierig ist es, Lehre und angestrebte Fussballkarriere unter einen Hut zu bringen?

Das ist schwierig. Und je besser ein junger Fussballer ist, desto härter wird es. Neben zahlreichen Trainings und Spielen im Verein wird er auch noch für nationale Auswahlen aufgeboten. Deshalb brauchen wir wieder die Form einer Sportberufslehre, da sind junge Fussballer flexibler.

Zurück zu Miridin Gashi. Er absolvierte keine Lehre, ist heute arbeitslos. Was raten Sie ihm?

Er ist ja immer noch sehr jung mit 20. Er sollte am besten eine Anlehre machen, so kann er für sich selber und vielleicht später auch für eine Familie sorgen.

Was lernt man aus Fällen wie jenem von Miridin Gashi?

Heute wäre so etwas beim FCZ nicht mehr möglich. Man darf nur in den Nachwuchsmannschaften spielen, wenn man sich neben dem Fussball auch um eine schulische oder berufliche Ausbildung kümmert.